Mirjam Berle herself

Turbulente Zeiten bringen mich zu Höchstleistungen. Sie sind mein Element. Egal, ob eiskalte oder kochende Gewässer, wo sich etwas bewegt oder schmilzt, lässt es sich neu formen. Dann ergeben sich Chancen, Dinge zu verbessern und schneller voranzukommen.

Über die Autorin
27. März 2026
Lesezeit: 7 Minuten

Mehr Einfluss ohne Macht

Mehr Einfluss ohne Macht

Inhalt:

Die Illusion der Ohnmacht

Viele Führungskräfte kennen diese Situation: Die Verantwortung liegt auf dem Tisch, die Entscheidung jedoch woanders. Gerade in Matrixstrukturen, Projekten oder bereichsübergreifenden Initiativen entsteht eine strukturelle Spannung: Führungskräfte tragen Ergebnisverantwortung, ohne über klassische Durchgriffsmacht zu verfügen. Budgets werden zentral freigegeben, Prioritäten konkurrieren, entscheidende Zustimmungen liegen in anderen Linien. Was daraus entsteht, ist häufig ein paradoxes Gefühl: zuständig, aber nicht entscheidungsstark. Verantwortlich, aber nur begrenzt wirksam.

Diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar und sie ist zugleich trügerisch.

Denn sie beruht auf einer Annahme, die in vielen Organisationen tief verankert ist: Einfluss sei in erster Linie eine Frage der Position. Wer oben steht, entscheidet. Wer keine formale Autorität hat, bleibt abhängig. In komplexen Organisationen greift diese Logik jedoch immer seltener.
Je stärker Strukturen vernetzt sind, je häufiger Entscheidungen bereichsübergreifend entstehen und je mehr Verantwortung verteilt wird, desto weniger lässt sich Wirkung allein über Hierarchie erzeugen. Gleichzeitig gewinnen andere Faktoren an Bedeutung: Beziehungen, Reputation, Expertise.

Wer Einfluss ausschließlich an Hierarchie koppelt, unterschätzt den eigenen Handlungsspielraum – und überschätzt zugleich die Steuerungsmacht formaler Positionen.

Macht neu denken: Wo Einfluss tatsächlich entsteht

Um Einfluss jenseits von Hierarchie zu verstehen, lohnt sich ein kurzer begrifflicher Schritt zurück. Bereits 1959 beschrieben die Sozialpsychologen John R. P. French und Bertram Raven verschiedene Quellen sozialer Macht. Neben legitimer Macht – also Autorität durch Position – identifizierten sie weitere Einflussquellen: Expertenmacht, Referenzmacht, Belohnungs- und Sanktionsmacht sowie Informationsmacht. Spätere Forschung ergänzt diese Perspektive um Netzwerkposition und Zugang zu Ressourcen.

Für heutige Organisationen ist diese Unterscheidung zentral. Formale Macht ist nur eine von mehreren Einflussquellen. In komplexen Organisationen verlieren hierarchische Hebel relativ an Bedeutung, während andere Faktoren an Gewicht gewinnen:

Expertenmacht entsteht durch Wissen und Problemlösungskompetenz. Wer als fachlich unverzichtbar gilt, prägt Entscheidungen häufig stärker als die formale Rolle vermuten lässt.

Referenzmacht basiert auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Menschen orientieren sich nicht nur an Positionen, sondern an Personen, denen sie zutrauen, Verantwortung zu übernehmen.
Informationsmacht entsteht dort, wo jemand Zugang zu relevanten Zusammenhängen, Daten oder Kontextwissen hat – und diesen Zugang bewusst nutzt.

Netzwerkmacht ergibt sich aus Anschlussfähigkeit. Wer unterschiedliche Perspektiven verbindet und Beziehungen zwischen Bereichen herstellen kann, wird zur informellen Drehscheibe für Entscheidungen.

Der Organisationsforscher Jeffrey Pfeffer argumentiert in seiner Forschung zur Macht in Organisationen, dass genau diese informellen Ressourcen häufig entscheidender sind als formale Zuständigkeiten. Entscheidungen entstehen selten allein durch Hierarchie. Sie entstehen in Abstimmungen, in Koalitionen, in Gesprächen vor dem eigentlichen Meeting.
Und das ist kein Zeichen organisationaler Schwäche, es ist Teil ihrer Funktionsweise.

Organisationale Politik: Das Tabu, das Wirkung blockiert

Viele Führungskräfte sprechen ungern über organisationale Politik. Der Begriff wirkt schnell nach Machtspielen oder persönlichen Agenden. Entsprechend verbreitet ist der Wunsch, Entscheidungen möglichst sachlich zu treffen: mit guten Argumenten, klaren Analysen und rationalen Entscheidungsgrundlagen.

In der Praxis greifen solche Erwartungen jedoch nur begrenzt.

Organisationen sind keine rein rationalen Systeme. Sie sind Arenen unterschiedlicher Interessen. Abteilungen konkurrieren um Ressourcen, Führungskräfte sichern Verantwortungsbereiche ab, Projekte beanspruchen Aufmerksamkeit und Priorität. Der Organisationsforscher Henry Mintzberg beschrieb Organisationen bereits früh als politische Systeme, in denen Entscheidungen durch Koalitionen, Abhängigkeiten und Einflussnetzwerke geprägt werden.

Was auf dem Papier wie sachliche Entscheidungsfindung aussieht, ist in der Praxis fast immer auch ein Aushandlungsprozess zwischen Interessen. Das erlebe ich in meiner Arbeit mit Führungskräften regelmäßig und es ist einer der Punkte, der am stärksten unterschätzt wird.

Diese Dynamik wird besonders sichtbar, wenn mehrere Einheiten gemeinsam entscheiden müssen – etwa in Transformationsprogrammen oder strategischen Initiativen. Was von außen wie Widerstand wirkt, ist häufig Ausdruck eines Interessenkonflikts. Ein Projekt, das für eine Einheit sinnvoll erscheint, kann für andere zusätzliche Risiken oder Belastungen bedeuten.

Wer solche Konflikte vorschnell personalisiert, verengt den Handlungsspielraum. Einfluss entsteht erst dann, wenn sichtbar wird, was für die andere Seite tatsächlich auf dem Spiel steht.
Dabei spielt Sympathie eine geringere Rolle, als häufig angenommen wird. Zusammenarbeit entsteht selten daraus, dass Menschen sich besonders mögen. Sie entsteht daraus, dass ein Vorhaben für mehrere Beteiligte relevant wird. Gemeinsame Ziele, geteilter Druck oder auch externer Wettbewerb können dabei stärker mobilisieren als persönliche Nähe.

Verbündete müssen das Ziel mögen, aber nicht zwingend dich

Das ist kein zynischer Gedanke. Es ist eine nüchterne und wirksame Grundlage für Zusammenarbeit in komplexen Organisationen. Gemeinsamer Druck von außen wirkt oft stärker als jedes persönliche Überzeugungsgespräch..
Politische Dynamiken sind daher kein Störfaktor organisationaler Arbeit. Sie sind ein Hinweis darauf, dass unterschiedliche Interessen ausgehandelt werden müssen.

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Laterale Führung in Matrixorganisationen

Diese Dynamik wird in Matrixorganisationen besonders deutlich. Matrixstrukturen entstanden ursprünglich als Antwort auf zunehmende Komplexität. Der Organisationsforscher Jay Galbraith beschrieb sie als Möglichkeit, mehrere strategische Perspektiven gleichzeitig zu berücksichtigen – etwa Funktionen, Regionen oder Produktlinien.

Die Kehrseite dieser Struktur ist jedoch offensichtlich: Verantwortung verteilt sich auf mehrere Linien. Entscheidungen entstehen selten eindeutig entlang einer Hierarchie. Für Führungskräfte bedeutet das eine grundlegende Verschiebung ihrer Rolle. Ergebnisse lassen sich häufig nicht mehr über Anweisung sichern. Stattdessen müssen Interessen koordiniert, Prioritäten abgestimmt und Konflikte moderiert werden. Laterale Führung wird damit zur zentralen Kompetenz.

Die Organisationssoziologen Stefan Kühl und Thomas Schnelle beschreiben laterale Führung als Zusammenspiel mehrerer Einflussmechanismen – und keiner davon beruht auf Anweisung. Entscheidend ist zunächst Verständigung: Ziele, Zusammenhänge und Interessen müssen geklärt werden, bevor Lösungen entstehen können. Wer versteht, was für die andere Seite auf dem Spiel steht, kann Brücken bauen.

Ebenso wichtig ist Vertrauen. Es entsteht nicht als Voraussetzung, es wächst durch verlässliche Zusammenarbeit. Beziehungen werden stabil, wenn Zusagen eingehalten und Perspektiven ernst genommen werden.

Hinzu kommt Macht im Sinne informeller Einflussquellen. Expertise, Netzwerkposition oder Zugang zu relevanten Informationen können Entscheidungen prägen.

Keiner dieser Mechanismen wirkt allein. Je nach Situation verschiebt sich ihre Bedeutung. In einem festgefahrenen Interessenkonflikt hilft die Verständigung oft mehr als Machtdemonstration. In einer Vertrauenskrise nützt Expertenwissen wenig, wenn die Beziehung beschädigt ist.
Wer in solchen Strukturen ausschließlich auf hierarchische Logik setzt, stößt schnell an Grenzen. Wer dagegen lernt, Einfluss über Beziehungen und Interessen zu gestalten, erweitert seinen Handlungsspielraum erheblich.

Strategische Instrumente für Einfluss ohne Macht

Einfluss entsteht nicht zufällig. Er lässt sich bewusst vorbereiten. Dabei geht es weniger um Techniken als um strategische Klarheit über das Umfeld, in dem Entscheidungen entstehen.

Stakeholder-Mapping. Es macht sichtbar, welche Akteure von einer Entscheidung betroffen sind und welche Rolle sie im Entscheidungsprozess spielen. Entscheidend ist dabei weniger die formale Position als der tatsächliche Einfluss auf das Ergebnis.
Drei Leitfragen helfen dabei:

  1. Wer entscheidet formell und wer beeinflusst informell?
  2. Wer blockiert, wer treibt voran?
  3. Wessen Unterstützung fehlt noch?

Interessenanalyse. Welche Ziele verfolgt die andere Seite? Welche Risiken versucht sie zu vermeiden? Welche Ressourcen oder Prioritäten stehen auf dem Spiel?

Viele Konflikte entstehen nicht aus Ablehnung, sondern aus unterschiedlichen Verlustperspektiven. Wer diese früh erkennt, kann Lösungen entwickeln, die mehrere Interessen berücksichtigen.
Gesprächsrahmen: Person und Sache trennen.
Statt Widerstand als persönliches Problem zu interpretieren, Zielkonflikte offen benennen:
„Ich habe den Eindruck, dass wir hier zwei berechtigte Interessen haben, die sich gerade widersprechen.“
Solche Formulierungen verschieben das Gespräch von persönlicher Konfrontation hin zu struktureller Klärung. Sie enttabuisieren den Konflikt und machen damit Interessenkonflikte bearbeitbar.

Selbstverantwortung statt Rückzug

Einfluss ohne formale Macht verlangt jedoch nicht nur Analyse des Umfelds, sondern auch Selbstklärung.

Viele Führungskräfte unterschätzen ihren Handlungsspielraum, weil sie Verantwortung vorschnell nach oben delegieren. Entscheidungen werden dann als Sache der Geschäftsleitung betrachtet, obwohl Einfluss auf Vorbereitung und Richtung durchaus möglich wäre. Ebenso häufig bleiben informelle Einflussquellen ungenutzt. Beziehungen, fachliche Reputation oder Zugang zu wichtigen Informationen können entscheidende Hebel sein – wenn sie bewusst eingesetzt werden.

Es lohnt sich daher, regelmäßig Fragen wie diese zu prüfen:

  • Wo gebe ich Verantwortung nach oben ab, obwohl ich selbst Einfluss nehmen könnte
  • Welche informellen Einflussquellen nutze ich bereits und welche lasse ich ungenutzt?
  • Wo verhindere ich selbst Bewegung, etwa durch vorschnellen Rückzug oder unnötige Konfrontation?

Solche Fragen leiten den Blick von strukturellen Einschränkungen hin zu den eigenen Handlungsmöglichkeiten. Sie sollen dabei keinesfalls zum Appell der Selbstoptimierung werden! Vielmehr ermöglichen sie eine strategische Selbstverortung: Wo stehe ich wirklich? Und welche Hebel habe ich tatsächlich zur Verfügung?

Einfluss ist gestaltbar

Führung ohne formale Macht ist keine Ausnahmeerscheinung moderner Organisationen. Sie ist in vielen Kontexten zur Normalität geworden. Gründe können beispielsweise sein, dass Hierarchien flacher werden oder Menschen mehr Wert auf selbstbestimmtes Arbeiten legen.

Gerade dort, wo Verantwortung verteilt, Entscheidungen vernetzt und Interessen unterschiedlich sind, entsteht Einfluss weniger durch Position als durch Anschlussfähigkeit. Wer politische Dynamiken versteht, Interessen sichtbar macht, Verbündete für ein gemeinsames Ziel gewinnt – nicht notwendigerweise für sich persönlich – und Beziehungen strategisch gestaltet, erweitert seinen Handlungsspielraum erheblich.

Einfluss ist keine Frage des Titels. Die Frage ist, welche Hebel du in der Hand hast hast – und ob du sie wirksam nutzt.

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Mirjam

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