Mirjam Berle herself

Turbulente Zeiten bringen mich zu Höchstleistungen. Sie sind mein Element. Egal, ob eiskalte oder kochende Gewässer, wo sich etwas bewegt oder schmilzt, lässt es sich neu formen. Dann ergeben sich Chancen, Dinge zu verbessern und schneller voranzukommen.

Über die Autorin
20. August 2026
Lesezeit: 7 Minuten

Der Hebel, den du übersiehst: Ressourcen richtig nutzen

Führungskraft nutzt ihre Ressourcen bewusst als Hebel

Inhalt:

Bestandsaufnahme statt Beschaffung

Höchstwahrscheinlich kennst du das: Du stehst vor einer Aufgabe, die größer wirkt als deine Mittel. Der erste Impuls fragt meist: Was fehlt mir noch? Die klügere Frage lautet: Was steht mir eigentlich schon zur Verfügung?

Darum geht es bei Leverage, der dritten Phase der C.O.L.D.-Water-Methode. Um den Weg vom Gefühl „Ich habe zu wenig“ hin zur Erkenntnis „Ich habe mehr, als ich dachte.“ An diesem Punkt setzt an, wer Ressourcen als Führungskraft nutzen will: beim bewussten Einsatz dessen, was längst da ist.

Besonders lohnt sich dieser Blick, wenn Budgets eng sind, dein Team in einem Konflikt steckt, eine große Entscheidung ansteht oder du dich schlicht überfordert fühlst. Denn meist zeigt sich bei genauerem Hinsehen: Es ist mehr da, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Sehen allein reicht aber noch nicht. Eine Ressource, die du nicht nutzt, bringt dir nichts. Sie bleibt ungenutztes Potenzial. Erst wenn du sie aktiv einsetzt, entfaltet sie ihre Wirkung.

Wie nutzt du als Führungskraft deine Ressourcen konkret?

Ressourcen nutzt du als Führungskraft, indem du sie zuerst systematisch erfasst und dann gezielt auf deine aktuelle Situation anwendest.

Entscheidend ist der Schritt von der Bestandsaufnahme zur Aktivierung: Eine erkannte Ressource wird erst durch ihren Einsatz zum echten Hebel. Wenn du diesen Übergang bewusst gestaltest, triffst du Entscheidungen zur Umsetzung mit mehr Substanz und mehr Rückhalt.

Die vier Ressourcenfelder

Deine Ressourcen verteilen sich auf vier Felder. Wer nur an Qualifikationen und Fachwissen denkt, übersieht drei davon.

1. Fachliche Ressourcen sind das Naheliegendste: Dein Wissen, deine Ausbildung, deine Erfahrung, deine methodische Kompetenz. Sie sind jedoch nicht immer am wirksamsten.

2. Soziale Ressourcen liegen in deinem Umfeld: Deine Beziehungen, dein Netzwerk, deine Fähigkeit zur Zusammenarbeit. In einer zunehmend vernetzten Arbeitswelt zählen sie oft mehr als reines Fachwissen.

3. Emotionale Ressourcen stabilisieren dich, wenn es schwierig wird: Werte, Überzeugungen, Resilienz oder die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Sie bestimmen, wie lange du durchhältst und wie schnell du dich von Rückschlägen erholst.

4. Strategische Ressourcen helfen dir, bewusst zu gestalten statt zu reagieren: Deine Fähigkeit, komplexe Situationen zu durchdringen, Muster zu erkennen oder Entscheidungen zu treffen.

Am stärksten wirken diese vier Felder im Zusammenspiel. Fehlt dir beispielsweise fachliches Wissen, kann dich dein Netzwerk auffangen. Fehlt dir der strategische Überblick, kann dich die innere Ruhe tragen, die du dir über Jahre erarbeitet hast. Es lohnt sich, diese Wechselwirkungen bewusst zu nutzen.

Warum übersehen wir, was längst da ist?

Unter Stress konzentrieren wir uns aufs unmittelbar Bedrohliche. Das ist ein alter Überlebensreflex. Heute springt er auch dann noch an, wenn längst keine echte Gefahr mehr besteht.

Dazu kommt ein zweiter Effekt, die Verfügbarkeitsheuristik. Wie bedeutend uns ein Ereignis erscheint, hängt stark davon ab, wie leicht uns ein Beispiel dafür einfällt. Negative Erfahrungen wiegen emotional schwerer und bleiben deshalb präsenter im Gedächtnis. Ein gescheitertes Projekt prägt sich tiefer ein als zehn geglückte. Das Risiko erscheint uns dadurch größer, als es ist. Und unsere Fähigkeit, damit umzugehen, kleiner.

Bei den eigenen Stärken kommt noch etwas dazu. Der Psychologe David Dunning beschreibt es als umgekehrten Dunning-Kruger-Effekt. Weniger erfahrene Menschen überschätzen sich oft, während sehr kompetente Menschen das Gegenteil tun. Sie unterschätzen ihre eigene Leistung, weil sie ihnen leichtfällt.

Vielleicht kennst du solche Gedanken:

  • „Das kann doch jeder“ – du hältst deine Fähigkeiten für selbstverständlich.
  • „Das war nur Glück“ – du schreibst deine Erfolge äußeren Umständen zu.
  • „Das ist doch normal“ – du wertest deine Kompetenzen oder Erfahrungen ab.

Diese übersehenen Fähigkeiten sind der Ausgangspunkt der Leverage-Phase. Was dir selbstverständlich vorkommt, kann dein stärkster Hebel sein. Nutzen kannst du ihn aber erst, wenn du ihn erkennst.

Verstärkung durch Kombination

Zu wissen, was du kannst, schützt nicht vor dem Eindruck, der Lage nicht gewachsen zu sein. Ein Gefühl von Schwäche kommt oft daher, dass wir unsere Kompetenzen wie einzelne Puzzleteile betrachten und ihre eigentliche Stärke im Zusammenspiel übersehen.

Ein Hebel funktioniert nach einem einfachen physikalischen Prinzip: Je weiter der Ansatzpunkt vom Drehpunkt entfernt ist, desto weniger Kraft braucht man, um dieselbe Last zu bewegen. Mit einem kurzen Hebel kämpfst du. Mit einem langen genügt ein leichter Druck. Bei Ressourcen entscheidet über die Länge des Hebels, was du miteinander verbindest.

Kupfer und Zinn sind für sich genommen vergleichsweise weiche Metalle. Zusammengeschmolzen ergeben sie Bronze. Ein Material, das härter ist als beide Ausgangsstoffe einzeln. Auf Ressourcen übertragen bedeutet das: Die erste Frage ist, was du hast. Die zweite, mindestens genauso wichtige, was daraus entsteht, wenn du es kombinierst.

Nutzt du deine Ressourcen bewusst, entsteht Selbstwirksamkeit – das Gefühl, wirklich etwas bewegen zu können. Dabei passiert auch körperlich etwas. Dein Belohnungssystem springt an, während die Areale für Stress und Angst zur Ruhe kommen. Du wirst spürbar entspannter und handlungsfähiger.

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Dein Team als Ressource

Nachdem du deine eigenen Ressourcen erkannt hast, führt der nächste Schritt zu den Menschen um dich herum. Was für dich selbst gilt, gilt genauso für dein Team – oft sogar mit noch größerer Wirkung.

Die Kompetenzen einzelner Teammitglieder sind für sich genommen schon wertvoll. In Kombination ergänzen und verstärken sie sich gegenseitig. Das birgt großes Potenzial. Und aus diesem Potenzial können innovative Lösungen entstehen, an die vorher niemand gedacht hat.

Wie du das im Team umsetzt, bleibt dir überlassen. Kontext, Zeit und Kapazität entscheiden. Manchmal reichen zehn Minuten, in denen jede und jeder kurz in sich geht. Ein anderes Mal eignet sich vielleicht ein Workshop, in dem ihr die vier Felder gemeinsam durchgeht und schaut, wo sich die Ressourcen des Teams ergänzen.

Unterschätzte Hebel

Nicht jeder Hebel sieht auf den ersten Blick wie einer aus. Ein Plan B zum Beispiel. Oder die Geschichte, die wir uns selbst und anderen erzählen. Beides wirkt vielleicht erst einmal unscheinbar. Es ist aber alles andere als das.

Ein Plan B ist mehr als eine Rückfalloption. In der Verhandlungstheorie gibt es dafür einen eigenen Begriff: BATNA, die beste Alternative für den Fall, dass keine Einigung zustande kommt. Wer eine tragfähige Alternative in der Tasche hat, verhandelt anders als jemand, der auf eine einzige Möglichkeit angewiesen ist. Ein durchdachter Plan B erlaubt dir, aus einer Position der Stärke statt der Not zu entscheiden.

Der zweite Hebel liegt in der Geschichte, die du erzählst. Dir selbst und anderen. „Ich habe genug“ ist schon eine bessere Story als „Ich habe nichts.“ Und wer eine Geschichte mit einem klaren, überzeugenden Narrativ erzählt, kann damit beeinflussen, wie eine Situation von anderen eingeordnet wird. Die entscheidende Frage dabei: Welche Geschichte erzählst du gerade, über ein Projekt, eine Entscheidung, einen Rückschlag, und wie holst du dein Gegenüber damit ab?

Denn: Storytelling schafft Bedeutung. Bedeutung schafft Einfluss. Und Einfluss schafft Leverage.

Nutze das Naheliegende, bevor du weitersuchst

Ressourcen werden noch aus einem anderen Grund unsichtbar: Wenn sie zu nah sind, um als Lösung zu gelten. Schon Goethe hat erkannt: Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah.

Hier setzt die Eh-Da-Strategie an. Der Projektmanagement-Begriff dahinter: Eh-Da-Kosten. Gemeint sind Dinge, die längst finanziert oder vorhanden sind und nichts zusätzlich kosten, wenn man sie nutzt. Das können Kompetenzen im eigenen Team sein, die im aktuellen Rollenprofil einfach nie abgefragt wurden. Oder ein internes Wissensmanagement-System, das im Alltag kaum genutzt wird.

Die Eh-Da-Strategie arbeitet bewusst gegen zwei Denkfallen. Der Exotismus-Bias lässt uns fremde Lösungen höher bewerten als vertraute. Kommt derselbe Vorschlag von einem externen Berater statt von der eigenen Kollegin, wird er plötzlich ernst genommen. Die Verfügbarkeitstäuschung sorgt dafür, dass uns entgeht, was uns täglich begegnet. Es ist zu selbstverständlich geworden, um noch aufzufallen.

Was passiert, wenn man diesen Blick trotzdem bewusst umlenkt, zeigt eine eigene Erfahrung bei Goodyear.

Ein Einstellungsstopp blockierte eine dringend benötigte Stelle in der Kommunikationsabteilung, während ein wichtiges Projekt ohne zusätzliche Unterstützung kaum zu stemmen war. Die Lösung fand sich nicht draußen, sondern intern. In einer Kollegin, die nach der Elternzeit zurückkam und deren frühere Position in der Finanzabteilung weggefallen war. Ich kannte ihre Stärken. Klares analytisches Denken, eine schnelle Auffassungsgabe für neue Themen, ein tiefes Verständnis für Zahlen.

Das Team war skeptisch. Wie sollte jemand aus dem Finanzbereich in der Kommunikation funktionieren? Doch genau diese Kombination erwies sich als Glücksgriff. Sie brachte eine Struktur in unsere Projekte, die zuvor gefehlt hatte, und wurde zu einer gefragten Expertin für Veränderungskommunikation.

Die beste Lösung ist oft einfach die, die längst verfügbar ist.

Übung: Der Ressourcen-Scan

Der Ressourcen-Scan eignet sich besonders für drei Situationen: bei Überforderung, wenn sich alles nach zu wenig anfühlt, vor größeren Projekten, um realistisch zu planen, und in Umbruchphasen, um bewusst zu entscheiden, was du mitnimmst.

Alles, was du brauchst: 30 bis 45 Minuten, Papier und Stifte, bei Bedarf ein großes Blatt für die Visualisierung.

Schritt 1: Vier Felder anlegen 

Teile dein Blatt in vier Bereiche auf. Fachlich, Sozial, Emotional, Strategisch. Beschrifte sie und halte ausreichend Platz für Notizen frei.

Schritt 2: Ressourcen sammeln 

Notiere zu jedem Feld, was dir konkret zur Verfügung steht. Auch das, was dir banal erscheint. Schau dir dazu gern nochmal die Auflistung der vier Ressourcenfelder oben an.

Schritt 3: Relevanz prüfen 

Geh jeden Punkt durch und frage dich:

  • Welche dieser Ressourcen sind gerade besonders relevant?
  • Welche nutze ich bereits und welche könnte ich gezielter aktivieren?

Schritt 4: Hebel definieren 

Wähle drei bis fünf Ressourcen aus, die dir im Moment am meisten helfen könnten. Formuliere konkret, wie du sie in deiner aktuellen Situation einsetzen würdest.

Zum Beispiel: „Ich nehme Kontakt zu meinem beruflichen Netzwerk auf“ oder „Ich erinnere mich an meine Strategie vor drei Jahren und passe sie an.“

Schritt 5: Aktivierungsplan entwickeln

Lege für jede gewählte Ressource fest:

  • Was ist der erste konkrete Schritt zur Aktivierung?
  • Bis wann will ich diesen Schritt umgesetzt haben?
  • Woran erkenne ich, dass die Ressource aktiv genutzt wird?

Dieser Scan schärft die Wahrnehmung für deine Ressourcen. Er hilft dir, auch in herausfordernden Phasen den Überblick zu behalten, damit du gezielter handeln kannst. Wiederhole ihn regelmäßig, etwa alle drei Monate, oder öfter in Umbruchphasen. So bleibst du im Kontakt mit deinen Ressourcen und entwickelst ein waches Gespür für neue Potenziale, sobald sie entstehen.

Fazit: Deine Hebel sind längst da

Am Ende der Leverage-Phase steht ein geübter Blick für das, was ohnehin verfügbar ist. Je öfter du dir deine Ressourcen bewusst machst, desto leichter greifst du auch unter Druck auf sie zurück.

Doch ein gesehener Hebel ist noch kein genutzter. Zwischen Erkenntnis und Wirkung liegt ein Schritt, den viele überspringen: der Griff danach. Erst wer eine Ressource tatsächlich einsetzt, macht aus ihr das, was sie sein kann – einen Hebel, keine Möglichkeit auf Vorrat.

Ressourcen als Führungskraft nutzen heißt das konkret: Wer seine eigenen Möglichkeiten kennt und aktiviert, trifft Entscheidungen mit mehr Substanz, verhandelt selbstbewusster und überträgt diese Klarheit auch auf das Team.

In meinem Buch „Klarheit“ findest du weitere Übungen im Detail. Das Kompetenz-Radar, das zeigt, welche deiner Fähigkeiten sich gegenseitig verstärken, und das Netzwerk-Mapping, mit dem du sichtbar machst, wo dein Netzwerk dich bereits trägt und wo es Lücken hat.

Für akute Situationen, in denen selbst dafür die Zeit fehlt, gibt es den C.O.L.D.-Water-Notfallkoffer – eine kompakte Version aller vier Phasen für den Moment, in dem schnelle Orientierung wichtiger ist als eine ausführliche Analyse.

Du kannst „Klarheit“ überall im Buchhandel kaufen – z.B. bei Thalia oder Amazon aber auch bei deiner Buchhandlung um die Ecke.

Und wenn du merkst, dass du deine eigenen Ressourcen lieber gemeinsam sortieren möchtest, melde dich gern. Hier kannst du ganz einfach einen Termin ausmachen.

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Mirjam

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Zu guter Letzt:

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