
Ressourcen nutzen als Führungskraft
Du hast mehr Ressourcen, als du denkst. Wie du sie als Führungskraft zum Hebel machst – die Leverage-Phase der C.O.L.D.-Water-Methode.



Turbulente Zeiten bringen mich zu Höchstleistungen. Sie sind mein Element. Egal, ob eiskalte oder kochende Gewässer, wo sich etwas bewegt oder schmilzt, lässt es sich neu formen. Dann ergeben sich Chancen, Dinge zu verbessern und schneller voranzukommen.

Leverage bedeutet in der Führung, vorhandene Ressourcen so zu verbinden, dass daraus eine größere Wirkung entsteht als durch den isolierten Einsatz einzelner Ressourcen. Eine einzelne Kompetenz, ein Kontakt oder eine Erfahrung kann bereits hilfreich sein. Zum strategischen Hebel wird sie, wenn sie mit anderen Ressourcen verbunden, auf ein klares Outcome ausgerichtet und im richtigen Moment eingesetzt wird.
In diesem Artikel geht es darum, wie du deine Ressourcen erkennst, sinnvoll kombinierst und entscheidest, ob du einen Hebel einsetzen oder bewusst darauf verzichten solltest.
Wer kennt ihn nicht: MacGyver – der Mann, der aus wenig viel machte. Für dieses Prinzip gibt es einen Fachbegriff: Bricolage, geprägt vom Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Er unterschied zwischen zwei Herangehensweisen: Der Ingenieur hat zuerst eine Idee und beschafft dann die passenden Mittel dafür. Der Bricoleur schaut zuerst, was er hat, und lässt sich davon leiten, was daraus entstehen kann.
Daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Führung heißt, regelmäßig unter unvollständigen Voraussetzungen zu entscheiden. Eine Veränderung wartet nicht auf den passenden Moment, und die Entscheidung wartet nicht auf die letzte Zahl. Manchmal bleibt nur der Griff nach dem, was gerade da ist.
Was du dabei findest, ist Rohmaterial. Einzeln bewegt jede Ressource schon etwas. Verbunden potenziert sich die Wirkung, und daraus entsteht dein Hebel. Wo und wann du ihn nutzt, ist noch einmal eine eigene Entscheidung.
Die Forschung zu Entrepreneurship nennt das „Entrepreneurial Bricolage“. Ted Baker und Reed Nelson untersuchten in einer Feldstudie 29 ressourcenbeschränkte Unternehmen. Ihr Ergebnis: Erfolgreiches Improvisieren bedeutet, vorhandene Ressourcen für Zwecke zu kombinieren, für die sie ursprünglich nie gedacht waren, und mit dem Handeln zu beginnen, statt endlos zu prüfen, ob es klappen könnte.
Für die praktische Arbeit fasse ich relevante Voraussetzungen aus der Forschung zu Improvisation und organisationalem Sensemaking in vier Punkten zusammen:
Diese vier Punkte betreffen nicht nur dich. Sie hängen auch davon ab, was in deinem Umfeld möglich ist. Und ob jemand improvisiert, hängt davon ab, ob er es bei dir gesehen hat. Das kannst du beeinflussen. Führung heißt hier, einen Raum zu schaffen, in dem auch andere lernen, ihre Ressourcen kreativ zu nutzen.
Was für dich persönlich gilt, gilt genauso für dein Team. Der Psychologe Daniel Wegner beschrieb das Prinzip ursprünglich bei Paaren: Ein transaktives Gedächtnis speichert nicht nur Wissen, sondern auch die Information, bei wem es liegt. Spätere Forschung hat gezeigt, dass Teams besser arbeiten, wenn bekannt ist, wer was kann. Sie greifen gemeinsam auf weit mehr zu, als eine einzelne Person je mitbringt.
Der Gewinn liegt im Zusammenspiel. Ressourcen, von denen kaum jemand wusste, werden verfügbar, sobald sie auf dem Tisch liegen. Und manche Kombination entsteht überhaupt erst, wenn zwei (oder mehr) Menschen voneinander wissen, was sie mitbringen. Die Erfahrung der einen trifft auf das Netzwerk des anderen, und daraus wird etwas, das keiner von beiden allein hätte.
Dafür braucht es dich. Nicht jeder spricht von sich aus über die eigenen Stärken, vor allem nicht unter Druck. Du kannst den Anlass schaffen, im Gespräch oder in einer Übersicht, die im Team zugänglich bleibt. Wichtig ist, dass dieses Wissen bei allen ankommt, nicht nur bei einzelnen. So entstehen Hebel, die ihr gemeinsam nutzen könnt.
Zurück zu dir: Wie kombinierst du deine eigenen Ressourcen zu einem wirkstarken Hebel? Wahllos übereinanderlegen bringt wenig. Das Kompetenz-Radar hilft dabei. Es zeigt deine Fähigkeiten nicht als lose Sammlung, sondern als System, das im Zusammenspiel wirkt.
Gehe in vier Schritten vor:
Wähle deine kraftvollste Kombination aus zwei bis drei Kompetenzen. Wo könntest du sie in deiner jetzigen Situation einsetzen? Welche Möglichkeiten werden plötzlich sichtbar? Und wie könnte diese Kombination zu deinem erkennbaren Markenzeichen werden.
Das Radar macht aus einer Sammlung einzelner Fähigkeiten ein Bild, in dem Zusammenhänge erkennbar werden. Du siehst, was zusammen wirkt, und entdeckst Potenziale, die dir bisher entgangen sind.
Eine ausführliche Anleitung zur Übung findest du in meinem Buch „Klarheit“.
Nicole, Bereichsleiterin, muss kurzfristig ein neues Kundenprojekt stabilisieren. Sie verfügt nicht über zusätzliches Budget und kann keine weiteren Mitarbeitenden einstellen. Stattdessen kombiniert sie drei vorhandene Ressourcen: ihre Erfahrung in kritischen Projekten, den guten Kontakt zu einem wichtigen Kunden und die Prozesskenntnis einer Mitarbeiterin aus einem anderen Bereich. Keine dieser Ressourcen würde das Problem allein lösen. Zusammen ermöglichen sie eine schnelle Zwischenlösung, die Zeit für eine nachhaltige Entscheidung schafft.
Der Hebel besteht hier nicht in einer einzelnen besonderen Fähigkeit. Er entsteht aus der Kombination von Erfahrung, Beziehung und internem Wissen – ausgerichtet auf ein klares Outcome: Stabilität und Zeitgewinn.
Eine starke Kombination zu finden ist das eine. Sie tatsächlich einzusetzen, das andere. Wenn du zögerst, steckt meist eines von beidem dahinter: ein Glaubenssatz, der bremst, oder der Hebel passt schlicht nicht.
Steckt ein Glaubenssatz dahinter, hilft ein Blick auf die eigenen Emotionen. Was löst der Gedanke aus, diesen Hebel einzusetzen? Scham zum Beispiel: „Wenn ich das nutze, wirkt das anmaßend.“ Oder Unsicherheit: „Was, wenn ich falsch liege?“ Erkennst du das Gefühl, kommst du an den Glaubenssatz dahinter und kannst ihn hinterfragen.
Ob ein Hebel passt, ist eine andere Frage. Was folgt, wenn du ihn einsetzt? Und was folgt, wenn du es lässt? Jemanden anzuschwärzen kann ein Hebel sein. Hilfreich ist er trotzdem selten. Und wenn er es nicht ist, ist Nichtstun die richtige Entscheidung.
Du entscheidest, ob du einen Hebel einsetzt oder darauf verzichtest. Die Verantwortung liegt bei dir. Der Stoizismus nennt das: für das eigene Handeln geradestehen, egal wie es ausgeht. Das schließt die Folgen ein, die ein Handeln auslöst, genauso wie die, die aus dem Nichthandeln entstehen.
Ein klares Outcome ist die Grundlage für jeden guten Hebel. Es muss werteverbunden sein und in deinem Mut-Bereich liegen, herausfordernd, aber erreichbar. Was Werte dir geben, wenn äußere Sicherheiten wegbrechen, habe ich im Artikel „Werte führen! Bewusst oder nicht.“ beschrieben. Steht dein Outcome auf diesem Fundament, lässt sich dein Hebel strategisch und taktisch klug einsetzen.
Für einen schnellen Check, ob du einen Hebel wirklich einsetzen solltest, brauchst du keine ausführliche Analyse. Du kannst die C.O.L.D.-Water-Methode im Kleinformat anwenden, mit denselben vier Fragen, die auch für größere Fragen funktionieren.
Consequence: Was ist das realistisch schlimmste Szenario, wenn ich diese Ressource einsetze?Unser Gehirn überschätzt systematisch, wie schwer ein Verlust wiegt, verglichen mit einem gleich großen Gewinn. Verhaltensforscher nennen das Verlustaversion. Dazu kommt der Negativitätsbias: die Tendenz, negativen Möglichkeiten mehr Gewicht zu geben als positiven. Wird das Schlimmste konkret benannt, schrumpft es meist auf ein überschaubares Maß.
Die Frage lohnt sich, weil wir oft größer denken als nötig. Hier zählt nur der konkrete Zweck dieses einen Einsatzes.
Und gibt es etwas, das mich bei der Anwendung zusätzlich unterstützen kann?
Je kleiner dieser Schritt ist, desto eher setzt du ihn wirklich um.
Ein paar kurze Fragen, und dein Zögern wird zu Klarheit: Einsetzen oder bewusst lassen.
Neben Fachwissen, Kontakten und Erfahrung gehört noch etwas zu dem, was du längst mitbringst: deine inneren Antreiber. Sie laufen meist unbemerkt im Hintergrund und prägen, wie du auf Anforderungen reagierst. Manchmal sind diese Hebel hilfreich, manchmal hinderlich, darum lohnt sich ein Blick darauf.
Die Transaktionsanalyse nach Eric Berne unterscheidet fünf davon.
Sei perfekt. Dieses Muster sorgt für hohe Qualität und Verlässlichkeit, gerade wenn es auf Details ankommt. Die Kehrseite: Wer diesem Antreiber zu sehr folgt, verliert sich leicht in Kleinigkeiten und leidet unter dem Gefühl, nie genug geleistet zu haben.
Mach es anderen recht. Empathie und Teamfähigkeit gehören zu deinen Stärken. Du erkennst die Bedürfnisse anderer und schaffst ein harmonisches Umfeld. Schwierig wird es, wenn deine eigenen Grenzen dabei aus dem Blick geraten und „Ja“ zu deiner Standardantwort wird.
Streng dich an. Durchhaltevermögen trägt dich durch fordernde Phasen, wenn andere aufgeben. Kritisch wird es, sobald du Leichtigkeit oder Effizienz als „nicht hart genug gearbeitet“ bewertest und dich selbst überforderst.
Sei stark. Handlungsfähigkeit in der Krise ist deine Stärke. Du gibst anderen Halt. Herausfordernd wird es, wenn du kaum noch Schwäche zeigen oder um Hilfe bitten kannst, selbst wenn es dringend nötig wäre.
Beeil dich. Tempo und die Fähigkeit, andere mitzureißen, zeichnen dich aus, wenn es schnell gehen muss. Problematisch wird es unter dauerhaftem Zeitdruck, wenn für gründliche Planung oder Erholung kein Raum mehr bleibt.
Kein Antreiber ist an sich gut oder schlecht. Es kommt auf die Dosierung an, und die verschiebt sich mit der Situation. Was in einer Verhandlung als Stärke wirkt, kann im Mitarbeitergespräch zu hart sein. Wenn du merkst, welcher Antreiber gerade läuft, kannst du ihn bewusst dosieren. So liegt es in deiner Hand, dass deine Antreiber produktive Hebel bleiben und nicht unbewusst zum Hindernis werden.
Gerade in stressigen Situationen kann es helfen, einen entlastenden Gegensatz zu deinem aktiven Antreiber zu formulieren. Bei Sei perfekt könnte das heißen: „Ich darf auch gut genug sein.“ Bei Sei stark: „Ich darf zeigen, wenn ich überfordert bin.“ Morgens gelesen oder vor wichtigen Terminen, setzen solche Sätze einen bewussten Gegenimpuls zum gewohnten Muster.
Der Stressforscher Stevan Hobfoll geht davon aus, dass Stress vor allem dort entsteht, wo Ressourcen verloren gehen. Wer vorher in seine Ressourcen investiert hat – in Beziehungen, in Wissen, in die eigene Handlungsfähigkeit –, hat in der Krise etwas, worauf er zurückgreifen kann. Wer das versäumt hat, merkt es erst, wenn es darauf ankommt. Dann ist das Netzwerk eingeschlafen, das Wissen veraltet, und es fehlt die Zeit, beides nachzuholen.
Deine Ressourcen sind kein Guthaben, das einfach da ist. Sie wachsen oder schrumpfen, je nachdem, wie viel Aufmerksamkeit du ihnen gibst. Ein Kontakt, den du über Jahre gepflegt hast, hilft dir anders als einer, bei dem du dich erst im Ernstfall meldest. Wissen, das du regelmäßig auffrischst, steht schneller zur Verfügung als Wissen, das seit Jahren nicht benutzt wurde.
Auch das trennt Führungskräfte, die in der Krise handlungsfähig bleiben, von denen, die dann erst anfangen zu suchen.
Am Ende bleibt eine Frage, die sich in jeder Situation neu stellt: Welche Ressource nutze ich hier, und weshalb genau diese? Manchmal ist die Antwort sofort da. Manchmal braucht sie einen zweiten Blick.
Beantworten lässt sie sich nur, wenn du weißt, was dir zur Verfügung steht. Unter Druck fragen wir uns meist automatisch, was uns fehlt. Stattdessen beginnst du woanders: bei dem, was du bereits hast. Danach folgt der Blick darauf, was sich davon sinnvoll verbinden lässt. Und zuletzt, wo diese Verbindung wirklich etwas bewegt.
Zu wissen, worauf du zurückgreifst und weshalb, ist die Grundlage guter Entscheidungen. Und gute Entscheidungen ermächtigen dich, statt dich von der Situation überwältigen zu lassen. Trägst du Führungsverantwortung, gilt das nicht nur für dich. Alle, die sich an dir orientieren, spüren den Unterschied.
Mehr Inspiration findest du natürlich in meinem Buch „Klarheit“. Du kannst es überall im Buchhandel kaufen – z.B. bei Thalia oder Amazon aber auch bei deiner Buchhandlung um die Ecke.
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Herzlich,
Mirjam
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